Neu Delhi: Koma für die Sinne

Als wir 2006 Delhi verließen, hofften wir insgeheim, dass dies der letzte Aufenthalt in der indischen Hauptstadt war. Unser Wunsch wurde nicht erhört. Aufgrund der verkehrstechnisch hervorragenden Anbindung an die umliegende Welt, begann unsere diesjähriger Indien-Aufenthalt wieder unter den knapp 14 Millionen Menschen.

Wie schon beim letzten Besuch testete Delhi auch diesmal unsere Belastbarkeit. Bei Tageshöchsttemperaturen von 40°C liefen wir, von Heimatbesuch begleitet, durch die Straßen des Mollochs in einer Wolke aus dickem Staub und Gerüchen von faulendem Obst, modernden Abfällen, sich zersetzender Rinder- und Menschenkacke, verdunstender Pisse und gärendem Fleisch. Die Luft war von den Ausdünstungen der uralten Busse, der unendlich vielen Auto-Rickschaws und der Qualmwolken der Essenstände schwer getrübt. Bereits nach wenigen Metern begannen wir, schwerer zu atmen.

Auf Schritt und Tritt bettelten Menschen und kämpften zwischen den Menschenmassen ums Überleben. Die Luft schrillte von dem permanenten Hupkonzert der Autos, LKWs, Motorräder, Auto-Rickschaws sowie den Rufen der Tuck-Tuck-Fahrer und Händler.

Abends, als die Märkte schlossen und die geschäftigen Menschen nach Hause gingen, blieben auf den Straßen nur noch die übrig, die dort leben. Obwohl wir unser 4-Sterne-Hotel im „besseren“ Viertel Karol Bagh ausgesucht hatten, waren die Straßen auch dort beängstigend gut gefüllt. Überall lagen Menschen herum und schliefen oder köchelten am Straßenrand ihr dürftiges Essen.

Neu Delhi richtet ab dem 4. Oktober die Commenwealth Games aus – quasi die Olympischen Spiele der ehem. britischen Kolonien. Entsprechend poliert sich die Stadt gerade optisch auf Hochglanz. Wie dies vor sich geht, entspricht jedoch überhaupt nicht der deutschen Vorstellung. Der Connaught Place, ein riesiger Kreisverkehr (3 Kreise, deren Umgebung wie Tortenstückchen zerteilt mit Buchstaben durchnummeriert ist, damit man sich nicht verläuft) wurde kurzerhand komplett aufgerissen. Die angrenzenden Häuser wurden ihrer Außenfassade entledigt. 50 Tage vor den Spielen standen wir auf einer Baustelle, die die ehem. Baustelle „Potsdamer Platz/Berlin“ wie einen kleinen Sandkasten erscheinen lässt.
Arbeitssicherheit ist dabei ein Fremdwort. So hingen Stromkabel wild über den Gehwegen und die Fußgänger bahnten sich ihre Wege quer über die aufgerissenen Straßen und Wege. Ein Blick zu wenig und man stürzt in ein gebuddeltes Loch oder vom unfertigen Gehweg ins Straßenbett.

Am Main Bazar in Old Delhi, einer alten Gasse mit unzähligen, kleinen Geschäften, suchten wir die Straße unter unseren Füßen gänzlich vergebens. Um attraktiver zu wirken, wurde der Straßenraum kurzerhand verbreitert – indem man von jedem Haus links und rechts der Straße einfach die Front inkl. einiger Meter Wohnung weggerissen hat – per Dekret der Regierung. Der Bauschutt liegt inmitten der Straße und jeder bastelt sich nun eine neue Fassade zu seinem statisch instabilen Haus. Entschädigung oder sonstige finanzielle Unterstützung gab es seitens der Regierung nicht, so sagten uns die hochgradig verärgerten Anwohner.

Hier ein kleiner Rundgang durch Delhi.

Main Bazar
Main Bazar
kein ungewöhnliches Transportmittel: Pritschenwagen & Kuh
kein ungewöhnliches Transportmittel: Pritschenwagen & Kuh
Bauarbeiten am Main Bazar
Bauarbeiten am Main Bazar
Kabelverlegung
Kabelverlegung
Pause...
Pause…
der Bazar in Old Delhi
der Bazar in Old Delhi
ob diese Stromleitungen unter Saft standen, testeten wir lieber nicht
ob diese Stromleitungen unter Saft standen, testeten wir lieber nicht
Freitagsgebet auf offener, zeitweilig gesperrter Straße
Freitagsgebet auf offener, zeitweilig gesperrter Straße
Moschee
Moschee
Delhi soll "grüner" werden. Viel Glück!
Delhi soll „grüner“ werden. Viel Glück!

Auch wenn die Schilderungen über Neu Delhi nichts von den sonstigen Sommersonnestrandundmeer-Berichten unserer Reise haben, sei ausdrücklich betont, dass es sich unbedingt lohnt, einen Stopp in Delhi einzulegen. Eine derartige Reizüberflutung findet man sicher nur an sehr wenigen Orten der Welt. Gerade für uns Europäer, die wir an Ordnung und Sauberkeit gewöhnt sind, bei denen Obdachlose gerne mal ins Stadtrandgebiet verlagert werden, wo Kinderarbeit nur ein Wort im Duden ist, wo sich jeder ordentlich in eine Schlage am Fahrkartenschalter einreiht ist Indiens Hauptstadt das Gegenbeispiel zu unserem Weltbild. In dieser Stadt ist alles anders. Ganz anders.

Neu Delhi ist Koma für die Sinne!

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Henning Groß Verfasst von:

3 Kommentare

  1. Dani
    22. August 2010
    Antworten

    Unglaublich! Das muss man wahrscheinlich mit allen Sinnen wahrnehmen, so geht es ja fast noch…

    • 24. August 2010
      Antworten

      @Dani: Das geht aber nur „fast“. In der Tat ist es absolut unmöglich diesen Sinnesschock jemanden beschreiben zu wollen. Das muss man selber erleben. Respekt an @heimatbesuch, die sich diesen Stress angetan hat.

  2. heimatbesuch
    23. August 2010
    Antworten

    zwischen fazination,permanten kopfschütteln,schockiertheit und freude die beiden zu sehen, waren es wirklich sehr schöne und spezielle tage des anderssein mit ihnen.
    der „reinste WAHNSINN“

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